Verrat und Blutvergießen erschüttern das einst friedliche Land der Graumähnen in Crimson Desert. Im ambitionierten Action-Adventure von Pearl Abyss begleiten Spieler den Krieger Kliff, dessen Fraktion brutal auseinandergerissen wurde. Doch kann dieses Mammut-Projekt überzeugen?
Die Welt von Pywel in Crimson Desert
Die Spielwelt Pywel ist eine nahtlose Open World. Kliff erkundet sie auf eigene Faust und stellt sich der Aufgabe, seine Fraktion nach einem verheerenden Überfall der Schwarzbären wieder zu vereinen – zumindest diejenigen, die noch übrig sind. Der Krieger der Graumähnen lebt in der nördlichen, friedlichen Region Pailune, bis die Schwarzbären diesen Friedenspakt brechen. Nun liegt es an Kliff, die über den Kontinent verstreuten Graumähnen zu vereinen und ihre Heimat zurückzuerobern.
Doch in der Hauptgeschichte geht es nicht nur um Kliffs persönliches Schicksal. Weitaus größere Gefahren lauern jenseits des Horizonts, eine übernatürliche Bedrohung aus dem Abyss, die ein gewaltiges Ungleichgewicht durch Chaos nach Pywel schleudert. Kliff will diejenigen stoppen, die versuchen, sich dieser zerstörerischen Kräfte zu bedienen.

Story: Die Rückeroberung des Lands der Graumähnen
Die Hauptgeschichte von Crimson Desert erstreckt sich über zwölf Kapitel, einen Prolog und einen Epilog. Im Prolog lernen Spieler die Grundmechaniken kennen, die sich jedoch als teils hakelig und unnötig komplex erweisen.
Selbst nach mehreren Spielstunden bleibt die Steuerung ein Manko: Viele Tasten auf dem Controller (in meinem Fall der PlayStation DualSense) sind doppelt belegt, was häufig zu Fehlbedienungen führt. Selbst nach Dutzenden Spielstunden habe ich immer wieder verdrückt und unbeabsichtigte Aktionen ausgelöst.
Eine epische Erzählung mit altbekannten Schwächen
Crimson Desert ist zweifellos ambitioniert. Es will eine epische Geschichte erzählen, bleibt erzählerisch aber hinter seinem eigenen Anspruch zurück. Besonders gelungen sind die filmreif inszenierten Zwischensequenzen, die Pywel lebendig machen.
Auch viele Nebenfiguren sind glaubwürdig gestaltet und wirken, als hätten sie in dieser Welt wirklich ihre Daseinsberechtigung. Doch abseits ihrer großen Momente innerhalb der Hauptgeschichte verblassen sie schnell wieder und geraten leider in Vergessenheit.

Ein blasser Held in einer faszinierenden Welt
Problematisch bleibt jedoch der Protagonist: Kliff hat kaum vertonte Momente und wirkt trotz seiner zentralen Rolle erstaunlich leblos: ein wortkarger Held, den man nach kurzer Zeit als austauschbar empfindet. Kein Wunder also, dass der Ruf nach einem vollwertigen Charakter-Editor in der Community groß ist.
Die Geschichte selbst wirkt nicht stimmig und bleibt oberflächlich, anstatt emotional mitzureißen. Immerhin schaffen es die cineastischen Zwischensequenzen, das Interesse am Setting wachzuhalten, denn Pywel ist interessant genug, um neugierig zu machen, wohin die Reise führt.
Dynamisches Kampfsystem mit Intensität
Kliff kämpft in Crimson Desert sehr dynamisch. Seine größte Stärke liegt dabei besonders in der Vielfalt der Kampfszenarien und darin, wie Spieler einen Kampf angehen. Einerseits stellt sich Kliff oftmals größeren Gegnergruppen statt Einzelkämpfern. In Bosskämpfen verhält es sich entsprechend anders, aber auch hier bekommt es Kliff teilweise mit einigen zusätzlichen Gegnern neben dem Hauptgegner zu tun.
Um einen Gegner zu Fall zu bringen, kann der Protagonist die Umgebung zu seinen Gunsten nutzen oder vom Pferd aus zuschlagen. Spieler können zu einer Auswahl von Waffen greifen, die das Kampfsystem beeinflussen: Von Schwertern und Schilden über Speere, Großschwerter und Äxte bis hin zu Fernkampfwaffen wie Bögen ist alles dabei. Jede Waffe hat bei ihrer Benutzung Vor- und Nachteile und kann im Kampfgeschehen anders eingesetzt werden. Ein Großschwert benötigt mehr Ausholschwung, während Einhandschwerter deutlich schneller sind, aber auch weniger Schaden austeilen.

Kombos, Timing und Gegnerverhalten
In Crimson Desert überzeugt Kliff vor allem durch Kombos. Dies können Nahkampfangriffe, Tritte, Griffe oder bewaffnete Kampftechniken sein. All dies führt meistens zum Sieg gegen Kliffs Gegner. Die Angriffe fühlen sich sehr überzeugend und vor allem sehr flüssig an, wenn Kliff zum Streich ausholt, um sein Gegenüber zu treffen.
Um in Pywel erfolgreich zu sein, sollten die Angriffsmuster der Gegner gelesen werden. So können Kliff und seine Gefährten blocken, ausweichen oder parieren und somit deutlich weniger Schaden einstecken. Umso wichtiger ist das Timing, um den Kampf für sich zu entscheiden. Doch vielmehr entscheidet das Progressionssystem darüber, wie dynamisch Kliff seine Gegner zur Strecke bringt.
Fortschritt durch Talente und Fähigkeiten
Das Progressionssystem in Crimson Desert erfolgt über einen Talentbaum. Um Talente und entsprechende Fähigkeiten freizuschalten, sammelt der Spieler Fragmente des Abyss. Diese bekommen Spieler durch das Besiegen von Bossen oder bei der Erkundung der Spieltwelt Pywel. Andererseits gibt es auch Fähigkeiten, die Kliff im Spielverlauf in der Spielwelt anhand von Haupt- oder Nebenaufgaben freischaltet.
Zusammenfassend sind die Kämpfe sehr dynamisch und anspruchsvoll. Dank der flexiblen Kombos und einer angenehmen Lernkurve trotz der Mapping-Situation mit dem Controller geben sie ein gutes Feedback im Kampfgeschehen wieder. Die Progression über den Talentbaum funktioniert gut. Neu freigeschaltete Fähigkeiten bereichern die Kämpfe und es macht Laune, Waffen und Techniken auszuprobieren und seinem Spielstil anzupassen.

Bosskämpfe sind das Herzstück von Crimson Desert
Bosskämpfe gehören zu den echten Höhepunkten in Crimson Desert. Der Anspruch an die Spieler steigt, was auch wirklich spürbar ist: Sie müssen Angriffsmuster erkennen, ein präzises Timing beherrschen und die Umgebung taktisch klug einsetzen. Jeder Kampf erfordert daher höchste Aufmerksamkeit und bestraft unüberlegte Handlungen. Ein Beispiel dafür ist der Kampf gegen den Riedteufel. Dieser verlangt nämlich Vorbereitung und Übersicht, denn bereits der Weg zu ihm ist mit Totems und Gegnerwellen gespickt. Im Kampf selbst kommt dann genau das zum Einsatz: Timing, Management von Kliffs Ausdauerbalken und eine saubere Defensive sorgen für die Kontrolle im Bosskampf.
Cineastische Zwischensequenzen setzen die Kämpfe eindrucksvoll in Szene und verleihen den Bossen eine bedrohliche Präsenz. Besonders bei Phasenwechseln zeigt Crimson Desert, wie filmisch das Action-Adventure inszeniert ist. Dies spiegelt sich nicht nur zu Beginn oder am Ende eines Kampfes wider, sondern auch beim Phasenwechsel. Daher sind die Bosskämpfe das spaßigste Gameplay-Erlebnis in Crimson Desert.

Erkundung, Crafting und Rätsel: Die Spielwelt Pywel hat viel zu bieten
Wer sich bei The Legend of Zelda: Breath of the Wild bereits heimisch gefühlt hat, der wird bei Crimson Desert glücklich. Die offene Spielwelt von Pywel birgt unzählige Orte und Geheimnisse, die nur darauf warten, von Kliff entdeckt zu werden. Es gibt nicht nur versteckte Ruinen oder Schauplätze für Nebenaufgaben, sondern auch optionale Herausforderungen an jeder Ecke. Wer also auf Entdeckungstour gehen möchte, kann die Spielwelt wortwörtlich bis ins letzte Eck erkunden. Es gibt immer wieder neue Eindrücke, die neugierig machen. Ein Manko haben die Nebenaufgaben allerdings: Sie sind oftmals nur klassische Sammel- oder Bringaufgaben ohne großen Mehrwert.
Rätsel mit unklaren Hinweisen
Die Rätsel in Pywel sind dagegen ein weiterer negativer Aspekt in Crimson Desert. Sie sollen den Spielfluss auflockern, scheitern aber an ungenauen und unklaren Hinweisen, die es schwer machen, sie zu lösen. Das sorgt für unnötigen Frust und stellt keine subtile Herausforderung dar. An dieser Stelle erklärt das Spiel deutlich zu wenig und nimmt den Spieler bei der Ersteinführung nicht richtig an die Hand. Das hätte das Spielerlebnis deutlich flüssiger gemacht.
Crafting und lebendige Welt
Positiv fällt dagegen das Crafting-System auf. Kliff kann Ressourcen fast in der gesamten Spielwelt einsammeln und Ausrüstungen werden praktisch ohne zusätzliche Quick-Time-Events oder Mini-Quests hergestellt. Das System bleibt also oberflächlich und erinnert nicht an die Ausrüstungsherstellung, wie man sie etwa aus Horizon: Forbidden West kennt. Das ist allerdings klar Geschmackssache.
Was das Weltgeschehen in Crimson Desert im Vergleich zu Horizon: Forbidden West ebenfalls runterschraubt, ist der Aspekt, dass NPCs keinerlei sichtbaren Tagesablauf haben, obwohl es einen dynamischen Tag- und Nachtwechsel gibt. Die Charaktere verharren an ihren Positionen oder folgen nur ihrem einfachen Skript. Das fühlt sich im Vergleich zu Horizon leider wie ein Rückschritt an.

Fazit zu Crimson Desert
Crimson Desert ist ein ambitioniertes Action-Adventure, das mit seiner offenen Spielwelt und intensiven Kämpfen stark liefert. Das dynamische Kampfsystem und die taktischen Bosskämpfe sind die größten Stärken des Spiels und sorgen für den Pluspunkt im Gameplay.
Dies wird allerdings überschattet von seinen eigenen Ansprüchen. Während die Geschichte oft nur oberflächlich bleibt, hat der Charakter keinen nennenswerten Wiedererkennungswert und bleibt blass. Die Nebenaufgaben und Rätsel überzeugen ebenfalls nur in Ausnahmefällen. Besonders auffällig ist aber die schwer zugängliche Steuerung von Crimson Desert, die den Spielfluss deutlich trüben.
In puncto Atmosphäre und abwechslungsreicher Spielwelt gibt es mehr als ausreichend in Pywel zu erleben. Wem der Gameplay-Fokus und die narrativen Defizite aber zweitrangig sind, der bekommt ein umfangreiches Abenteuer mit starken Kampfmomenten geliefert. In die Röhre schauen dürfte jedoch, wer eine tiefgehende Story und lebendige Charaktere erwartet.
Artikelbild, Screenshots: Pearl Abyss
Crimson Desert wurde mit einem Review Key für Steam auf dem PC getestet, bereitgestellt von Marchsreiter Communications.
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