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Rue Valley: Review – Zeitschleifen, Selbstfindung und narrative Tiefe

In Rue Valley spielen für den emotional gebrochenen Eugene Harrow mysteriöse Zeitschleifen eine endlose Rolle.

Eugene Harrow erlebt nach seiner ersten Therapiesitzung im Motel von Rue Valley die gleichen 47 Minuten immer und immer wieder. Dieses erzählerische Konzept erinnert sofort an den Film Und täglich grüßt das Murmeltier mit Bill Murray, aber mit einer emotional komplexen Tiefe. Statt sich jedoch in Action-Szenen zu verzetteln, erwartet Spieler ein tiefgründiges, narratives Rollenspiel. Während Eugene auf einer Selbstfindungsreise ist, versucht er, aus der Zeitschleife auszubrechen und lernt dabei die dunkelsten Geheimnisse von Rue Valley und seinen Bewohnern kennen.

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Ein nie endender Tag mit seinem eigenen Mikrokosmos

Die Zeitschleife, in der Eugene Harrow gefangen ist, dauert immer exakt 47 Minuten. In diesen 47 Minuten steckt jedoch ein ganz eigener Mikrokosmos, in dem er auf tiefgründige, komplexe Charaktere trifft. Jeder hat dabei sein eigenes Päckchen zu tragen. Als Beispiel dazu dienen etwa der entspannte Therapeut Dr. Finck, die übereifrige und erzählfreudige Rezeptionistin oder aber auch der trübsal blasende Barkeeper Travis sowie seine Geliebte Annitta mit ihren eigenen dunklen Geheimnissen.

In jeder Zeitschleife entdeckt Eugene mehr über die Charaktere, ihre Motivationen und auch ihre Geheimnisse. Gleichzeitig findet er aber auch mehr über sich selbst heraus – und warum es ihn überhaupt in diese Antriebslosigkeit geführt hat, um in der Therapie von Dr. Finck zu landen. Das Spiel beginnt dort, wo die Therapiesitzung selbst aufhört, und er ist freigestellt, zu tun, was ihm beliebt. Dabei erkundet Eugene nicht nur das Motel und sein Zimmer, sondern auch das Rue Valley sowie die angrenzenden Gebiete.

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Welcher Eugene Harrow bist du?

Bevor das Spiel überhaupt beginnt, können Spieler entscheiden, welchen Eugene Harrow sie in Rue Valley spielen wollen. Dazu gibt es drei Persönlichkeitsmerkmale, zu denen Spieler Punkte verteilen können. So kann der Protagonist beispielsweise introvertiert und verschlossen oder extrovertiert und völlig weltoffen sein.

Dies hat Auswirkungen auf unterschiedliche Dialogoptionen im Spiel: Ein introvertierter Eugene kommt weniger gut mit den anderen Menschen klar und muss sich erst öffnen, bevor er sie ansprechen kann. Nur nach mehreren Schleifen versteht man langsam, welche Entscheidungen Einfluss auf Beziehungen und neue Dialogoptionen haben.

Eine Mindmap unterstützt Eugenes Gedächtnis und Persönlichkeit

Auch wenn sich die Nichtspieler-Charaktere nicht an die vergangene Zeitschleife erinnern, so tut es Eugene. In einer wortwörtlichen Mindmap, in der die Erinnerungen gespeichert werden, können Spieler auf Eugenes Erinnerungen zugreifen. Es ist ein Detektivboard, um immer präsent zu haben, wer mit wem wie zu tun hat und in welcher Beziehung sie zueinander stehen.

Durch einen Klick ins Spielmenü kann Eugene durch Inspiration dieser Dinge dann auch auf den Grund gehen, sofern er genügend Motivationspunkte gesammelt hat. So entfalten sich unterschiedliche Dialogoptionen, Handlungen und auch Geheimnisse hinter den Charakteren, dranbleiben und neugierig sein sind hier die Voraussetzung.

Ein spoilerfreies Beispiel zeigt, wie das System funktioniert: Die erste Person, die Eugene indirekt kennenlernt, ist eine Frau, die wütend gegen einen Getränkeautomaten schlägt, weil dieser ihr keinen Kaffee gibt. Erst nachdem Eugene von der Rezeptionistin beim Motel-Empfang gelernt hat, welchen Kniff es benötigt, um den Automaten zu bedienen, kann er der Frau helfen und löst damit neue Gesprächsoptionen aus.

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Temporäre Entscheidungen bringen dauerhafte Erkenntnisse statt Konsequenzen

Jede Entscheidung hat ihre Konsequenzen, aber eben nur temporär. Sobald eine Zeitschleife in Rue Valley endet, haben die anderen Charaktere ihren Ausgangspunkt von 8 Uhr abends, während Eugenes Mindmap stetig an Informationen und Handlungsoptionen wächst. Dies bringt den Vorteil mit sich, dass er gewisse Dialoge einfach von vorn führen oder andere Handlungen ausüben kann, die ihm vorher verborgen geblieben waren.

Diese Mechanik ist ein richtiger Twist für Eugenes Reise in Rue Valley. Psychologie wird so noch einmal anders spürbar und greifbar. Es gibt jedoch nicht nur Eugene, der sich jeglicher Logik durch die Zeitschleife entzieht, sondern auch andere Anomalien, die die Neugier auf mehr Informationen anregen.

Was sich nach einigen Zeitschleifen allerdings seltsam anfühlt ist, dass in den Dialogen trotzdem dort eingesprungen wird, wo die letzte Erkenntnis aufgehört hat. Kein Charakter hinterfragt, wie Eugene an diese Informationen kommt und auch neue Informationen zu einer vorherigen Sache lassen sich nicht mehr herausfinden. Dies fühlt sich gerade aufgrund einer Zeitschleifen-Mechanik sehr unfertig und unreif an.

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Comic-Atmosphäre und Präsentation von Rue Valley

Ein weiteres Merkmal von Rue Valley ist dessen grafische 2D-Parallax-Präsentation. Der Artstyle erinnert bewusst an Disco Elysium oder Into the Spider-Verse, was sehr kontrastreich zum sonst melancholischen Gameplay wirkt. Gleichzeitig ist alles in einem emotional schweren Wüstenton gehalten, was die Atmosphäre eines abgelegenen Motels unterstützt.

Dies gilt auch für die Soundkulisse und die Erzählweise, die ihr eigenes Tempo hat. Jeder Charakter verkörpert seine Emotionen und reagiert so auf die Handlungen des Spielers. Genau das haben die Entwickler gut eingefangen und miteinander verknüpft.

Fazit: Rue Valley Review

Das narrative Rue Valley braucht sich in Sachen Story nicht zu verstecken, sondern kann emotional auf voller Linie überzeugen. Auch wenn es sein eigenes Tempo hat, das viel Geduld und Lesefreude erfordert, weiß es, seine Stärke zu zeigen, indem es tiefe Dialoge liefert und ausdauernde Spieler belohnt.
Die Entscheidungen in jeder Schleife wirken zunächst klein, entfalten aber erst nach mehreren Wiederholungen ihre volle Wirkung, aber hier beginnt leider ein zentrales Problem.

Obwohl NPCs jede Schleife aufs Neue beginnen, reagieren sie in Dialogen oft so, als würde Eugene Wissen aus vorherigen Schleifen ganz selbstverständlich mitbringen. Neue Informationen lassen sich teilweise nicht mehr rekonstruieren, frühere Themen gehen verloren, und kein Charakter stellt infrage, woher Eugene bestimmte Erkenntnisse überhaupt hat. Gerade in einem Spiel, dessen Kernmechanik Zeitschleifen sind, wirkt das unausgereift und nimmt dem ansonsten starken Konzept etwas von seiner Glaubwürdigkeit und Konsequenz.

Wer Disco Elysium bereits mochte, wird auch in Rue Valley mitfiebern können, denn es bietet eine ähnlich dichte und emotionale Erfahrung.

Artikelbild & Screenshots: Owlcat Games/Emotion Spark Studio

Rue Valley wurde getestet mit einem Review Key für PC via Steam, bereitgestellt von Marchsreiter Communications.

Über Chris Adam

Hey, ich bin Chris, bin derzeit als Onlinemarketing Manager tätig und habe zuvor mehr als drei Jahre als Content Editor gearbeitet. Darüber hinaus habe ich Technikjournalismus und PR studiert. Gemeinsam mit Lukas habe ich int.ent news 2013 ins Leben gerufen und seitdem schreiben wir mit einer "Corona-Pause" regelmäßig über Games. Meine Lieblingsfranchises sind unter anderem Final Fantasy und The Witcher und ich probiere gern viele Games aus, die eine gute Story zu bieten haben.
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