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Review: A Plague Tale: Innocence

Seit dem ersten Trailer zu A Plague Tale: Innocence, dem neuen Spiel von Asobo Studio, ist bekannt, dass Ratten im Spiel eine große Rolle einnehmen. Dabei ist mittlerweile längst klar, dass sich die Pest im Mittelalter weniger durch die kleinen Nager verbreitete, sondern vielmehr durch Ungeziefer wie Flöhe. Gelingt es dem Spiel dennoch, eine fesselnde Geschichte zu erzählen?

Geschwister auf der Flucht

Der Spieler schlüpft in die Rolle der jungen Amicia, einem Mädchen, das Blumen in den Haaren trägt und bislang nicht mit den Gräueltaten des französischen Mittelalters in Kontakt geraten zu sein scheint. Dies ändert sich gleich am Anfang. Denn A Plague Tale: Innocence braucht nicht lange, um Fahrt aufzunehmen. In einem kleinen Prolog lernt Amicia, mit ihrer Steinschleuder umzugehen und bekommt auf schmerzhafte Weise zu spüren, dass die neuerdings wütende Rattenplage auch ihre Umgebung erreicht hat. Dann geht es zurück zum Familienanwesen.

Der Hof der De Runes wird von der Inquisition besucht. Und die Ritter um den Großinquisitor brennen und meucheln alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Sie haben es auf Hugo, Amicias kleineren Bruder abgesehen, der seit einiger Zeit an einer mysteriösen Krankheit leidet. Die Mutter versteckt Amicia und Hugo im Haus. Schließlich werden die drei aber entdeckt und Amicia bekommt von ihrer Mutter den Auftrag, mit Hugo zu fliehen und ihn zum Arzt zu bringen. Da Hugo die Zeit fast ausschließlich verborgen in einem Zimmer verbracht hat, kennt seine Schwester ihn kaum. Die beiden Geschwister lernen sich also erst in dieser Notsituation so richtig kennen.

Als Amicia nimmt man den kleinen Hugo an die Hand und schleicht oder rennt mit ihm. Lässt man Hugo alleine, bekommt er Angst und kann in Gefahr geraten. Manchmal hilft er ob seiner Größe aber auch aus, zum Beispiel, indem er durch ein Fenster klettert und verschlossene Türen von innen öffnet. Dabei ist die anfängliche Fremdheit zwischen den beiden Geschwistern durchaus ein Hindernis für die erfolgreiche Flucht. Denn anfangs hört Hugo weniger auf Amicia, vertraut ihr weniger. Dies ist allerdings in keiner Weise in einer Art umgesetzt, die es nervig machen würde, auf Hugo aufzupassen. Beide Charaktere haben eben ihren eigenen Kopf, und dies wurde von Asobo Studio sehr authentisch und stimmungsvoll ins Spiel etabliert. Während Amicia Hugo also anweisen kann, bestimmte Dinge zu tun, ist Amicia zunächst diejenige, die im Zweifelsfall kämpfen muss. Und das ist gar nicht so einfach, schließlich ist sie ebenfalls noch sehr jung.

Das Spiel schickt Amicia und Hugo durch mehr oder weniger linear aufgebaute Kapitel. Viel Raum zum Erkunden der Umgebung wird einem nicht gelassen. Die Frage ist aber auch, wie sehr eine etwas offenere Spielwelt der Glaubwürdigkeit des Story-Adventures geschadet hätte – schließlich fliehen die Geschwister vor der Inquisition und sind nicht auf einem Erkundungstrip.

Verlust der Unschuld

Die eingangs erwähnte Steinschleuder ist Amicias einzige Waffe. Allerdings bleibt es nicht dabei, einfach nur Steine abzufeuern. Im Verlauf des Spiels kommt Amicia mit Alchemie in Kontakt und erlernt, immer wieder neue Materialien anzufertigen. Dazu zählen Steine, die Feuer löschen oder legen, aber auch Steine, die beim Aufprall Ratten manipulieren können. Klingt erstmal simpel, ist aber in der ganzen Art sehr gut umgesetzt.

Denn an vielen Stellen im Spiel liegt die Lösung nicht einfach darin, einem feindlichen Ritter einen Stein an den Kopf zu schleudern. Vielmehr müsst ihr die Umgebung so für euch nutzen, dass die Ratten euch für einen Moment nicht mehr beachten oder menschliche Gegner in die Rattenschwärme gelockt werden. Das Zielen gestaltet sich als simpel, aber auch nicht völlig anspruchslos. Schließlich ist Amicia auch bereits nach einem Schlag tot und kann sich ansonsten nicht wehren. Aber da sie es häufig mit großen Männern in schweren Ritterrüstungen zu tun bekommt, erscheint es nicht ganz unrealistisch, dass sie sich mehr auf ihre Steinschleuder und das Schleichen, als auf den Schwertkampf verlässt.

Die Steinschleuder und den Vorratsbeutel kann Amicia im Spielverlauf an Werkbänken verbessern. Um bestimmte Materialien herzustellen, braucht sie einige Ausgangsprodukte, zum Beispiel Schwefel oder Alkohol. Diese findet sie immer wieder verstreut im Spiel. Diese Art des Craftings ist gut in den Spielverlauf integriert.

Das Töten stellt in A Plague Tale: Innocence allgemein keine Selbstverständlichkeit dar. Gerade nach dem allerersten tödlichen Wurf gerät Amicia in eine Art Depression, aus der sie sich erstmal wieder befreien muss. Während die Gewalt an ihr selber nagt, versucht sie immer wieder, Hugo davon fernzuhalten und aufzuheitern. Sie spielt mit ihm verstecken oder albert rum, sofern die Situation es zulässt. Allerdings muss sie auch immer wieder harte Entscheidungen treffen, die Hugo so gar nicht gefallen und ihr Verhältnis zueinander erschwert.

A Plague Tale: Innocence ist wahrlich kein seichtes Spiel. Während Gewalt heutzutage in vielen Spielen normalisiert wird, hat man hier zumindest in den ersten Kapiteln nach tödlichen Attacken ein schlechtes Gewissen und stellt sich die Frage, ob der eine oder andere Mord wirklich hätte sein müssen. Das setzt A Plague Tale: Innocence deutlich von einigen anderen Genrevertretern ab. Etwas schade ist allerdings, dass es nur selten im Spiel eine Wahlmöglichkeit gibt, ob man nun ausschließlich schleicht oder die Gegner ausschaltet. Das hätte dem Schuldigkeitsaspekt noch eine ganz andere Note aufsetzen können.

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Ratten als Freund und Feind

Die menschlichen Gegner verhalten sich meist sehr aufmerksam. Ist man entdeckt worden, hat man meist keine Chance mehr, zu entkommen. Doch Amicia und Hugo bekommen auch immer wieder Unterstützung. Sie treffen während des Spielverlaufes auf einige Charaktere, die ihnen helfen und über unterschiedliche Fähigkeiten verfügen. Ähnlich wie mit Hugo, kann Amicia ihren Begleitern bestimmte Befehle geben, um beispielsweise Schlösser zu knacken oder Wachen zu überrumpeln. Sehr positiv hierbei ist einerseits, dass auch diese Nebencharaktere eine richtige Charakterentwicklung durchmachen. Andererseits verhalten sie sich beim Schleichen und Verstecken eben nicht so, dass sie zu lästigen Fortschrittsbremsen werden, sondern suchen sich selbstständig Verstecke. Wenn man von den Wachen entdeckt wird oder stirbt, so liegt es meist an einem selber als Spieler.

Die Rattenschwärme hinterlassen ganze Friedhöfe und sind für Mensch und Tier ein Problem. Das Spiel macht die Nager auf eine Art und Weise zu einem zentralen Element des Spiels, die es so wahrscheinlich noch nirgendwo gegeben hat. Denn einerseits sorgen die gut animierten Schwärme für Grauen und ein Gefühl der Beklemmung. Andererseits stellen sie auch immer eine Chance dar, mit viel zu mächtigen menschlichen Gegnern fertig zu werden.

Feuer ist das einzige, was die Ratten hier fürchten. Amicia und ihre Mitstreiter müssen also Feuer legen, die Ratten mit Leichen ablenken oder eben mittels verschiedener Alchemie-Materialien. So einfach, wie sich das anhört, bleibt es jedoch nicht. Der Spieler wird hier immer wieder vor kleinere Rätsel gestellt, die manchmal erst auf den zweiten Blick zu lösen sind, nie aber frustrierend werden. Welche Rolle der Kampf mit und gegen die Ratten im späteren Spielverlauf einnimmt, das soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel sei gesagt: Trotz Amicias beschränkter Kampfkünste, beinhaltet das Spiel auch einige Bosskämpfe. Und einer davon gehört wahrscheinlich zu den imposantesten und zugleich positiv absurdesten Gefechten, die es in der jüngeren Videospielvergangenheit zu schlagen galt.

Dichte Atmosphäre, ordentliche Spieldauer, spannende Geschichte

A Plague Tale: Innocence spielt immer wieder mit Kontrasten. Hier treffen malerische Bilder von Sonnenuntergängen oder wunderschönen Feldern auf düstere Schlachtfelder, Leichenberge auf wunderschöne Häuser. Das Mittelaltersetting um die Inquisition und Pest in Frankreich herum weiß zu begeistern. Das liegt insbesondere daran, dass man sich nicht durch Paris bewegt, sondern eher durch ländliche Regionen und Dörfer rund um die Bordeaux-Region herum.

Die Grafik des Spiels ist wunderschön. Insbesondere auf einem HDR-fähigen Fernseher kommen die bunten Farben richtig schön rüber. Auch in Dunkelheit sieht das Spiel fantastisch aus. Hier punktet es mit verschiedenen Lichteffekten und den gruselig inszenierten Rattenschwärmen, deren Augen bedrohlich in die Richtung Amicias leuchten. Die Charaktere sind durch gutes Motion-Capturing schön in Szene gesetzt und lassen die Emotionen der Charaktere aufleben. Auch der Sound weiß mit seiner Musik und den Geräuschen der Umgebung zu begeistern. Ebenfalls die Synchronisation ist hervorragend gelungen. Das alles trägt dazu bei, dass A Plague Tale: Innocence eine wunderbare Atmosphäre schafft, die den Spieler tief in dessen Welt eintauchen lässt. Technisch gibt es überhaupt nichts am Spiel auszusetzen. Es kommt weder zu Bugs, noch zu Rucklern.

Die Geschichte des Spiels bleibt keineswegs linear, sondern nimmt immer wieder Wendungen. Gerade gegen Ende geschehen einige Dinge, die man anfangs nicht auf dem Schirm gehabt hätte. Dabei tut dem Spiel auch gut, dass sich die insgesamt 17 Kapitel sehr unterschiedlich spielen. Es geht eben nicht jedes Kapitel nur um Ratten oder Flucht. Das Spiel nimmt sich auch mal die Zeit, in etwas ruhigeren Momenten die Charakterentwicklung fortzuführen.

A Plague Tale: Innocence hat gar nicht den Anspruch, den Realismus eines Kingdom Come Deliverance zu erreichen. Ganz im Gegenteil schleichen sich nach und nach mystische Elemente in das Spiel, die die Geschichte zu einer eher ungewöhnlichen Erfahrung machen. Je nachdem, wie schnell man die Rätsel löst und wie geschickt man sich anstellt, wird man fürs Durchspielen zwischen 13 und 16 Stunden benötigen. Dazu gibt es noch einige Collectibles, die weitere Hintergründe in der Geschichte schaffen und auch super in das Spiel passen. Hugo ist beispielsweise leidenschaftlicher Pflanzenexperte, der allerdings bis zum Beginn des Spiels nur durch Bücher davon erfahren hat. Findet ihr im Spiel eine besondere Blume, steckt Hugo sie Amicia ins Haar und es kommt zu einer kleinen Unterhaltung zwischen den Geschwistern. A Plague Tale: Innocence ist kein Spiel, das unbedingt mehrere Male durchgespielt werden will. Da es sich hierbei aber auch nicht um einen Vollpreistitel handelt, ist der Umfang ganz ordentlich.

Fazit: Lineares, aber atmosphärisches Story-Adventure vor unverbrauchtem Setting

A Plague Tale: Innocence hat simple Spielmechaniken. Aber das, was dem Spieler hier an Story und Atmosphäre geboten wird, ist sehr beeindruckend. Es gibt praktisch keine langweiligen oder unnötigen Momente im Spiel. Ganz im Gegenteil weiß die Geschichte so sehr zu fesseln, dass es schwer fällt, nach einer bestimmten Spielzeit einfach aufzuhören. Man will eben unbedingt wissen, wie es mit Amicia und Hugo weitergeht. Wer gut erzählte Geschichten mag und Lust hat auf ein mittelalterliches Frankreich, dem sei A Plague Tale: Innocence unbedingt empfohlen. Man merkt im Grunde das ganze Spiel über, mit welcher Leidenschaft die Mitarbeiter von Asobo Studio am Werk waren. Es wäre sehr schade, wenn dieses Spiel nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient!

Getestet wurde das Spiel mit einem von Deep Silver bereitgestellten Key auf der PlayStation 4 Pro.

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Artikelbild und Screenshots: Asobo Studios/Focus Home Entertainment

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Über Jan Drescher

Hi, ich bin Jan und studiere momentan Russisch und Schwedisch. Schreiben ist seit meiner Kindheit meine große Leidenschaft. Während sich das sonst eher im Verfassen von Romanen äußert, gehe ich an dieser Stelle meinem Videospiel-Enthusiasmus nach und schreibe zusammen mit Chris, Lukas und Maik über Gaming-relevante Themen.

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